Insights

Wie hat Corona das Internet verändert?

Das Coronavirus überschwappte im Frühjahr 2020 wie eine Welle den gesamten Globus und damit auch Deutschland. Für viele war es ein Schock – die bisher altbekannte Normalität wurde auf den Kopf gestellt.

Besonders bemerkbar hat sich die Krise auch in der digitalen Welt gemacht. Home Office war plötzlich nicht mehr ein Nischenmodell weniger IT-Firmen, sondern allgemeine Empfehlung für alle Berufsgruppen, bei denen es möglich ist.

Corona hatte somit seit Februar 2020 große Auswirkungen auf die gesamte Internetlandschaft. Die Krise war für digitale Branchen einerseits eine große Chance, andererseits wurden viele Unternehmen aber auch vor nie dagewesene Herausforderungen gestellt.

Seit dem Ausbruch der Krise wurden viele verschiedene Studien zu den Auswirkungen von Corona auf das Internet und die digitale Welt durchgeführt.

Wir möchten in diesem Insights-Artikel wichtige Erkenntnisse aus diversen Studien zusammenfassen und zum Abschluss ein umfassendes Fazit ziehen: Wo steht das Internet jetzt, nach mehr als einem Jahr Pandemie?

Corona und die Nutzung digitaler Medien

Nach den ersten harten Lockdowns wurde im Mai 2020 eine Erhebung zur Nutzung digitaler Medien in Deutschland von respondi veröffentlicht. Dabei wurden 500 Menschen zwischen 14 und 69 Jahren zwischen März und Mai befragt, welche digitalen Medien sie in der letzten Woche viel mehr genutzt haben.

  • Die stärkste Nutzung von Internet und Social Media wurde dabei in der Woche um den 14. April gemeldet. Hier gaben 53% der Befragten an, das Internet inklusive Social Media viel mehr genutzt zu haben.
  • Generell stand Internet inklusive Social Media hoch im Kurs – verglichen mit Streaming, Computerspielen und Podcasts war diese Antwort die am meisten genannte.
  • Am niedrigsten war das Interesse zwischen März und Mai 2020 an Podcasts, wobei die Woche um den 27. April den höchsten Wert mit 17% markiert.

Im Zeitraum zwischen dem 17. und 23. März, als sich die erste Corona-Welle in Österreich dem Höhepunkt näherte, wurden im Alpenland 500 Menschen zwischen 18 und 69 Jahren mit einer ähnlichen Frage konfrontiert. “Wie oft haben Sie das Internet (auf Telefon, Tablet oder Computer) seit dem Ausbruch der Krise genutzt?”

  • 55% der Befragten gaben an, das Internet mehr als üblich oder viel mehr als üblich genutzt zu haben. “Wie üblich” gaben 41% an.
  • 30% der Befragten gaben an, berufstätig zu sein und von zu Hause aus arbeiten zu können. 38% sind zwar berufstätig, können jedoch nicht von zu Hause aus arbeiten. 32% der Befragten sind nicht berufstätig.

Zusammenfassung:
An den beiden Studien erkennt man, dass bereits im Laufe des ersten Lockdowns das Interesse am Internet stieg. Das Interesse an Podcasts blieb – verglichen mit anderen Medienformen wie Streaming oder Computerspielen – aber gering.

Der Lockdown-Effekt auf den globalen Internetverkehr

Eine internationale Gruppe von Forschern hat in einer groß angelegten Studie analysiert, wie sich die Lockdowns auf den Internet-Traffic ausgewirkt haben. Als Datenquelle wurden dabei die Statistiken großer europäischer Internetanbieter und Knotenpunkte genutzt.
Die Studie liefert interessante Daten:

  • Der durchschnittliche Internet-Traffic stieg am Beginn des ersten Lockdowns um 15 – 20%.
  • Die Infrastruktur ist nach Ansicht der Studienautoren in der Lage, diese Steigerung an Internet-Traffic problemlos zu bewältigen.
  • Dies liegt daran, dass die meisten Traffic-Zuwächse außerhalb der traditionellen Stoßzeiten messbar waren.
  • Vor Corona gab es am Wochenende oder am Abend immer wieder Traffic-Peaks. Während der Pandemie hat sich der Internetverkehr gleichmäßig über die gesamte Woche verteilt.
  • Zwar stieg auch der Traffic von “Hypergiants”, wie etwa Streaming-Diensten, doch der relativ größte Traffic-Zuwachs war bei Home-Office-Anwendungen wie VPNs oder Konferenzsoftware zu verzeichnen. In diesen Bereichen stieg der Internetverkehr um mehr als 200%.
  • Beim großen Internetknotenpunkt in Frankfurt (DE-CIX) stieg der Stoßzeiten-Traffic um 2,2 Tbit pro Sekunde gegenüber 2019.
  • Im Jahresvergleich ist diese Steigerung am DE-CIX die größte in der Geschichte des Internetknotens.

Zusammenfassung:
Bereits in der ersten Lockdown-Periode stieg das Traffic-Volumen um 15 – 20%, was eine große Steigerung in einer kurzen Zeitperiode bedeutet. In Relation zu klassischen “Internetgiganten” stieg jedoch der Traffic bei Home-Office-Anwendungen wie VPNs oder Konferenzsoftware deutlich stärker.

Corona und die Gesellschaft im Internet

Die Kommunikations-Agentur JIN hat im Juni des Jahres 2020 eine Studie zum Online-Nutzungsverhalten während der ersten Phase der Corona-Pandemie veröffentlicht. Durch die gehäufte Nutzung des Internets stiegen auch die Sorgen der Deutschen – vor allem im Bezug auf Fake News.

  • 45% der Studienteilnehmer gaben an, Sorgen wegen der Verbreitung von Fake News zu haben.
  • Auch die Sorgen um die Auswirkungen der Technologie auf das Alltagsleben sind erheblich – vor allem bei der Generation Z (37%, zwölf Prozent mehr als in anderen Altersgruppen).

Die auch "Zoomer" genannte Generation Z ist eine Gruppe von Menschen, die zwischen 1997 und 2012 auf die Welt gekommen sind. Die Generation Z stand / steht in ihrer Jugend besonders unter dem Einfluss digitaler Medien – mehr als jede Gruppe vor ihr. Die Zoomer sind älteren Menschen in Sachen Technologie und Internet deshalb intuitiv überlegen.

Die digitale Kluft zwischen Alt und Jung wächst. Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung nochmals verschärft.

  • 48% der Generation Z gaben an, sich seit der Krise wohler im Internet zu fühlen.
  • Bei den Über-50-Jährigen waren es nur 16%.
  • Doch die Kluft besteht nicht nur im Alter, sondern auch im Einkommen.
  • Dieses hängt nämlich mit der Nutzung von Computerspielen und Online-Nachrichtenangeboten zusammen. Gaming ist bei 31% der Menschen mit niedrigerem Einkommen populär, während nur 21% der Menschen mit höherem Einkommen online spielen.
  • 62% der Menschen mit höherem Einkommen konsumieren Online-Nachrichten, während nur 55% der Menschen mit niedrigem Einkommen die digitale Nachrichtenwelt verfolgen.

"Alte" Medien in Zeiten der Pandemie

Eine Langzeitstudie der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland zur Massenkommunikation untersuchte die Mediennutzung in Deutschland während der ersten Phasen der Corona-Krise im Frühjahr 2020.
Die Mediennutzung stieg nach den Erkenntnissen der Studie deutlich an – sowohl klassische, als auch digitale Medien.

  • Die tägliche Mediennutzung steigerte sich während des Lockdowns um 33 Minuten.
  • Die Videonutzung legte am deutlichsten zu – mit 28 Minuten pro Tag.
  • Obwohl das klassische Fernsehen von manchen Medienanbietern schon totgesagt wurde, konnte das TV im Corona-Lockdown eine Renaissance erleben.
  • Die Nutzung des linearen Fernsehens stieg während des ersten Lockdowns um 14 Minuten.
  • Kostenpflichtige Streamingdienste (etwa Netflix oder Amazon Prime) legten um 9 Minuten täglich zu.
  • Eine Steigerung konnte aber auch die Videoplattform YouTube verzeichnen: In Deutschland steigerte sich der YouTube-Videokonsum um 4 Minuten pro Tag.

Interessante Daten liefert die Studie auch, was Bücher und Texte betrifft. Hier zeigt sich, dass es während des Lockdowns auch einen Anstieg beim Konsum textbasierter Medien gab.

  • Die Tagesreichweite von Büchern stieg um 4 Prozentpunkte.
  • Die größten Zuwächse beim Buchkonsum gab es bei jungen Lesern zwischen 10 und 19 Jahren (32% häufiger)!
  • In den mittleren Altersgruppen haben Tageszeitungen gegenüber dem Internet verloren. Dies zeigt, dass sich immer mehr Menschen online zum aktuellen Tagesgeschehen informieren.

Zuletzt wurde auch noch abgefragt, wo sich die Studienteilnehmer über das politische Geschehen informieren.

  • Dabei wurde erkenntlich, dass die Wertschätzung junger Leute (14 bis 29 Jahre) für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk während des Lockdowns gestiegen ist: Insbesondere, was Kompetenz und Unabhängigkeit betrifft.
  • In allen Altersgruppen wurden die öffentlich-rechtlichen Angebote sehr gut in Sachen Kompetenz, Relevanz und Glaubwürdigkeit bewertet.
  • Vor allem soziale Medien erfuhren während der Corona-Krise eine Imageverschlechterung – hauptsächlich, was glaubwürdige Inhalte betrifft.

Zusammenfassung:
Insgesamt steigerte sich der Medienkonsum in Deutschland während des ersten Lockdowns, wobei vor allem Video- und Textangebote davon profitieren konnten. Was Kompetenz, Relevanz und Glaubwürdigkeit betrifft, wurden öffentlich-rechtliche Angebote im Vergleich zu sozialen Medien deutlich besser bewertet. Interessant ist, dass es auch eine Steigerung beim Buchkonsum gab.

Corona und das Internet in ärmeren Ländern

Obwohl es in manchen Studien den Anschein macht, dass die Internetinfrastruktur weltweit gleich gut auf den Ansturm in der Corona-Pandemie gerüstet war, ist dem nicht so – das beweist etwa die Case Study von Internetsociety.org, die im März 2021 veröffentlicht wurde. Länder mit einem besseren Ausbau von Breitbandangeboten reagierten besser auf den Internetansturm als Länder, in denen der Ausbau des Internets hinterherhinkt.
Die Ergebnisse der Studie (Auswahl):

  • Der globale Peak-Traffic steigerte sich um 47%.
  • Je mehr Glasfaser-Anschlüsse es in einem Land gibt, desto weniger starke Traffic-Spikes gibt es.
  • Während der Pandemie gaben fast 80% der Befragten in Afghanistan an, regelmäßige Performance-Probleme mit dem Internet zu haben.
  • In Sri Lanka gaben weniger als 60% der Befragten an, Probleme mit dem Internet zu haben.

Zusammenfassung:
Obwohl es in den entwickelten Ländern nicht den Anschein machte, kam die Internet-Infrastruktur in ärmeren Ländern durch die Corona-Pandemie unter Druck – etwa in Afghanistan.

Corona und die digitale Wirtschaft

Die digitale Wirtschaft spürte kurzfristig negative Folgen durch Corona, wird langfristig jedoch stark davon profitieren. Das zeigt etwa die Studie zur Internetwirtschaft, welche von Eco ausgegeben wurde.

  • Die Krise sorgte kurzzeitig für einen Umsatzrückgang um 1,2% in 2020.
  • Die Branche wird nachhaltig wachsen, da es Katalysatoreffekte im Ausbau digitaler Infrastrukturen geben wird.
  • In der Studie gehen die Autoren davon aus, dass die Online-Wirtschaft bis 2025 eine durchschnittliche Wachstumsrate von 9,5% aufweisen wird.
  • Auch die Bedeutung der Internetbranche an der gesamten deutschen Wirtschaft wird demnach steigen.

Fazit: Wie hat Corona das Internet verändert?

Die Pandemie hat sich nicht nur kurzfristig auf den Datenverkehr im Internet ausgewirkt, sondern wird auch langfristig die Entwicklung digitaler Technologien beeinflussen.

Während der ersten Lockdowns stieg zwar der gesamte Internet-Traffic, den größten Zuwachs gab es jedoch beim Datenverkehr durch Videokonferenzen und andere Home-Office-Anwendungen.

In Deutschland profitierten im Medienbereich vor allem Video- und Textangebote von der vermehrten Mediennutzung. Die Studienlage zeigt außerdem, dass die öffentlich-rechtlichen Angebote in Deutschland trotz gesellschaftlicher Veränderungen großteils noch immer als kompetent und vertrauenswürdig eingestuft werden.

Die Studien zeigen, dass es auch eine digitale Einkommensschere gibt: Online-Gaming ist bei Menschen mit geringerem Einkommen beliebter, während der regelmäßige Konsum von Nachrichten bei Menschen mit höherem Einkommen populärer ist.

Eine Spaltung gibt es aber auch global gesehen: Während in der “entwickelten Welt” kaum Performance-Probleme im Internet feststellbar waren, kam in ärmeren Ländern die Internet-Infrastruktur unter Druck.

Für die Zukunft kann davon ausgegangen werden, dass sich die Internetbranche nachhaltig und mit starken Zuwächsen weiterentwickeln wird – die Corona-Krise stellte im Bereich Digitale Technologien nur einen kleinen Knick dar, der jedoch langfristig zu positiven Katalysatoreffekten führen wird.

Quellen:

  • Welche digitalen Medien haben Sie in der letzten Woche benutzt?
    Quelle: Havas Media
    Erhebung durch: respondi
    Herkunftsverweis: Havas Media Corona Monitor
    Statistik: Statista.com
  • Wie oft haben Sie das Internet (auf Ihrem Telefon, Tablet oder Computer) seit Ausbruch der Corona-Krise genutzt?
    Quelle: MindTake
    Erhebung durch: MindTake
    Herkunftsverweis: #zuhausebleiben
    Statistik: Statista.com
  • The Lockdown Effect: Implications of the COVID-19 Pandemic on Internet Traffic
    Anja Feldmann, Oliver Gasser, Franziska Lichtblau, Enric Pujol, Ingmar Poese, Christoph Dietzel, Daniel Wagner, Matthias Wichtlhuber, Juan Tapiador, Narseo Vallina-Rodriguez, Oliver Hohlfeld, and Georgios Smaragdakis. 2020. The Lockdown Effect: Implications of the
    COVID-19 Pandemic on Internet Traffic. In Internet Measurement Conference (IMC ’20), October 27–29, 2020, Virtual Event, USA. ACM, New York, NY, USA, 18 pages.
    https://doi.org/10.1145/3419394.3423658
    Quelle: Studie (PDF)
  • JIN & Opinionway Studie
    Quelle: Beitrag im E-Commerce-Magazin
  • ARD/ZDF-Massenkommunikation Langzeitstudie
    von Birgit van Eimeren, Bernhard Kessler und Thomas Kupferschmitt
    Quelle: Studie (PDF)
  • COVID-19 Impact on Internet Performance
    Case Study of Afghanistan, Nepal and Sri Lanka
    Quelle: Internetsociety.org
  • Studie zur Internetwirtschaft 2020-2025
    Quelle: Eco.de

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